Den nachfolgenden Artikel dürfen wir
mit Einverständnis unserer niederländischen Freundin und
Neufundländerbesiterin Renate van Gestel auf unserer Homepage
veröffentlichen. Sie hat in diesem Bericht geschrieben, was ihr
auf dem Herzen liegt, wenn Sie unsere geliebte Rasse
Neufundländer sieht und z.B. auf Ausstellungen
begegnet.
Vision of Harmony
Was erwarte ich eigentlich heute vom Neufundländer? Diese
Frage habe ich mir kürzlich selbst gestellt als ich wieder
einmal am Ring saß und das Richten der Neufundländer verfolgte.
Seit Generationen macht der Neufundländer eine immerwährende
Entwicklung bezüglich Anatomie, Typ und Charakter durch. Die
Gesundheit und der Charakter dieser wunderbaren Rasse müssen
dabei oberste Priorität behalten, daran besteht kein Zweifel.
Mit dem konstatieren von Unterschieden in Typ, Format und Wesen
bekomme ich keine Antwort auf meine Frage. Es sind die
künstlerische Verschwommenheiten beim Auslegen des Standards und
die zunehmende Popularitätsquote von übertypisierten Köpfen die
mich beunruhigen. Ein extremes Styling des Felles lässt mich
heutzutage bei manchen Neufundländern eher an einen modellierten
Buchsbaum denken. Ich finde immer weniger Gemeinsamkeiten mit
den geltenden Merkmalen des Standards.
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'Hypertypisch', ein anderes Wort kann ich hierfür
nicht finden, ist keine gute Basis, nachdem entweder
alles gut oder nur schlecht ist, je nach Geschmack
der Fans. Jeder versucht bei den Anderen die
Nachteile zu erkennen und zum eigenen Vorteil
umzukehren. Warum nicht von jeder Richtung das
nehmen was auf der anderen Seite verbessert werden
kann oder sogar fehlt? So ginge viel weniger Gutes
verloren.
Auf einer Ausstellung mag sein, dass extreme
Exemplare spektakulär sind, aber die meisten
Neufundländer werden als Gefährten für den Menschen
geboren. Viele Neufundländerfreunde bevorzugen auch
heute noch die ursprünglichen Merkmale der Rasse.
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Der Rassestandard verlangt einen harmonisch gebauten Hund mit
einem kräftigen Körper, schwere Knochen, muskulös und stark. Der
Neufundländer hat Adel und trägt stolz seinen Kopf. Die
Entwicklung des Kopfes hat für mein Gefühl hypertypische Formen
angenommen. Wenn ich mir auf Aufstellungen die vorgestellten
Hunde betrachte vermisse ich immer häufiger den Adel – diesen
Stolz, den bärenhaften Ausdruck mit einem breiten und massiven,
ein wenig gerundeten Kopf, richtig platzierte, kleine, gut
geschlossene Augen die weit auseinander liegen mit dem typischen
sanften Ausdruck. Der Fang sollte breit und quadratisch sein.
Große runde, offene und zu dicht beieinander platzierte Augen
verändern den Ausdruck beim Neufundländer sehr stark. Der Fang
ist oft tiefer als lang, die Lefzen hängen und sind offen. Wenn
die Lefzen korrekt sind, ist der Neufundländer absolut kein
sabbernder Hund.
Und ganz ehrlich, ein stark sabbernder Neufundländer im Hause
bringt wohl jede Hausfrau 'ín Extase' wie sehr sie ihren
Vierbeiner auch liebt. Fremde oder vielleicht sogar die eigene
Familie werden sich von ihm abwenden. Nehmen Sie solch ein
sabberndes Exemplar doch mal mit auf eine Reise. Es ist eine
Katastrophe! In Hotels und Restaurants sieht man die Besitzer
mit Hund lieber gehen als kommen. Ein Gentleman mit Latz macht
auf mich persönlich bei einer Ausstellung wenig Eindruck. Ebenso
wenig wie der Aussteller im Ring, dem das Putztuch aus der
Tasche hängt, es ist letztlich ein Schönheitswettstreit. Zu
lange und nicht korrekt angesetzte Ohren, ein schmaler Oberkopf
mit übermäßig langen Haaren auf dem Oberkopf, nach vorne
gestylt, und dazu ein zu starker Stop, dies verleiht dem
Neufundländer von vorne betrachtet den Ausdruck einer anderen
Rasse oder erinnert sogar an andere Tiersorten.
Ein natürlich schönes und gut versorgtes Fell gehört ganz
einfach zu einer einnehmenden imposanten Erscheinung. Nach
Meinung der 'Experten' ist ein gut versorgtes Fell aber
gegenwärtig nicht mehr ausreichend. Ein perfektes Styling,
bezüglich der Silhouette, es wird mit der Schere kräftig
nachgeholfen, neuerdings sogar Coupestyling mit elektrischen
Geräten, ist für viele schon zu einem absoluten ''Muss''
geworden.
Das gegenwärtig bei vielen Neufundländern auch die Schnurrhaare
abgeschnitten werden, ist wohl der Toppunkt der Übertreibung.
Solche gestylten Exemplare sind spektakulär und heutzutage
unschlagbar auf Ausstellungen weil die Richter immer mehr diese
modellierten, professionell gestylten Hunde und das Extreme
bevorzugen. Das modellieren / stylen verändert die Erscheinung
des Hundes und bringt bei Richtern die nicht mit Ihren Händen
richten Vorteile gegenüber Hunden die natürlich und gut zurecht
gemacht sind, ohne jegliche kosmetische Produkte. Ich habe oft
den Eindruck dass der am auffälligsten gestylte und
hypertypische Hund gewinnt. Er steht vor dem perfekt gebauten
und sich rassetypisch bewegenden Hund, nur weil diesem dieser
gewisse ‚Schliff’ fehlt.
Dadurch werden in Zukunft immer häufiger Amateure (der große
Teil der Aussteller), die keine talentierten Stylisten sind oder
dieses extreme Zurechtmachen nicht wünschen oder ganz einfach
nicht können, den Ausstellungen fern bleiben.
Neufundländerfreunde die es ganz einfach wünschen das am
Rassestandard und dem bärenhaften Typ festhalten wird, haben auf
so mancher Ausstellung nichts mehr zu suchen und zu gewinnen.
Die hohen Kosten für Reise und Teilnahme an einer Ausstellung
werden ihr übriges dazutun das diese Menschen mit ihren Hunden
zuhause bleiben.
Meine ganz persönliche Meinung ist dass ein übergroßer Teil der
Ausstellungen eine Angelegenheit von Profis geworden ist, die
das Ausstellen zur ’Vorführkunst’ gemacht haben.
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Künftigen Neufundländerbesitzern, die ihren ersten
Kontakt mit einem Neufundländer 'Marke Hypertyp' auf
einer Ausstellung haben, prägt sich dieser Typ als
Idealbild ein. Der eigene Hund könnte später
durchaus eine Enttäuschung werden, denn nicht
gestylt ist der Hund nämlich fern vom eingeprägten
Bild.
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Für sein ruhiges und ausgeglichenes
Wesen ist der Neufundländer bekannt, oftmals sogar darum
beneidet. Aber leider trifft man immer häufiger nervöse Hunde
mit neurotischen Reaktionen und übertriebenem Temperament,
ängstliche oder auch teilnahmslose Hunde im Ring.
Übertriebenes Temperament bitte ich nicht zu verwechseln mit
einem mühelosen, flotten, kräftigen und raumgreifenden Gangwerk
mit viel Schub, das einen exzellenten Vertreter dieser Rasse so
auszeichnet. Gewiss ist durch das Einkreuzen fremder Blutlinien,
vor allem aus den USA, das Gangwerk positiv beeinflusst und
verbessert worden.
Beim Vorführen eines Neufundländers im Ring sollte es nicht
darum gehen, dass der Schnellste gewinnt. Bei mittlerer
Geschwindigkeit an einer losen Leine, wobei der Hund selbst
seinen Kopf stolz hoch hält, kommt der Neufundländer optimal zu
seinem Recht.
Niemand sollte für das Rasen, Überholen und Auflaufen im Ring
auch noch belohnt werden, im Gegenteil, es ist irritierend und
unsportlich.
Das übermäßige hochziehen des Kopfes während des Laufens und im
Stand sollte vom Richter weder bevorzugt noch erlaubt werden. Es
ist es schade dass heutzutage nur noch wenige Richter im Ring
„Leinen los“ anordnen. Wenn es dann schon mal passiert, fällt
manches Bauwerk in sich zusammen.
Das Format beim Neufundländer ist regelmäßig ein Mittelpunkt der
Diskussionen.
Persönlich sehe ich lieber einen deutlichen Unterschied zwischen
Rüde und Hündin.
Der Rüde groß und kräftig, aber der allgemeine Ausdruck sollte
’Sound’ sein.
Die Züchter und mit ihnen die Deckrüdenbesitzer sind
letztendlich verantwortlich für die weitere Entwicklung der
Rasse ' Neufundländer'. Die Richter tragen ebenfalls eine große
Verantwortung, Man könnte es auch eine Schlüsselfunktion nennen,
denn Sie belohnen die Arbeit der Züchter. Sie sind
verantwortlich dafür, dass der Hund dem sie im Ring die höchste
Ehre erweisen, dies auch tatsächlich verdient hat.
Die Züchter werden sich entscheiden müssen. Wollen sie den
Neufundländer zu einem hypertypischen Showobjekt veredeln und
dabei den Verlust von Gleichgewicht und Harmonie in Kauf nehmen,
oder aber den Familienhund bevorzugen der die ursprünglichen
Merkmale vom bärenhaften Neufundländer zeigt, und mit dem man
durchaus auch gerne eine Ausstellung besucht.
Verlust von Harmonie und Gleichgewicht ist meiner persönlichen
Meinung nach ein großer und nur sehr schwer wieder
gutzumachender Fehler.
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Für mich verliert der Neufundländer im Allgemeinen
immer mehr das so gepriesene Gesamtbild des Bären.
Mein Streben ist ohne Zweifel auch in Zukunft von
diesen gutmütigen Bären genießen zu dürfen. Die
Rasse, gemessen am Standard zu verbessern, bis ich
dazu keine Möglichkeiten mehr sehe, dafür werde ich
mich einsetzen.
Werde das tun was mir mein Herz sagt und dabei auf
meinen Verstand hören.
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Natürlich liegt Schönheit im Auge des Betrachters. Gutes
und Schönes findet man nicht in Extremen, eine gute
Funktionalität und Schönheit müssen sich nicht ausschließen und
erweisen der Rasse auch in Zukunft einen großen Dienst.
Ein schönes Exemplar begeistert eben wie ein schönes Bild,
zugegeben eine individuelle Sentimentalität.
Renate van Gestel (www.captain-moritz.nl)